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18.02.2016

Moose und Flechten als wichtige Indikatoren für Waldbefinden

Gemeinsame Sache mit Forschern - Nationalpark Kellerwald-Edersee kooperiert mit zwei Wald-Nationalparks

Bad Wildungen. Moose und Flechten zählen zu den wichtigsten Indikatoren für den Zustand eines Waldes. Sie spielen daher bei der wissenschaftlichen Untersuchung wenig beeinflusster Wälder in Nationalparks eine große Rolle. Die drei Wald-Nationalparks  Hainich in Thüringen, Eifel in Nordrhein-Westfalen und Kellerwald-Edersee in Hessen eint der Schutz heimischer Buchenwälder und ihrer Tier- und Pflanzenwelt als wichtigstes Naturschutzziel. Sie haben es sich daher zur Aufgabe gemacht, ihrem Vorkommen an Moosen und Flechten in den Buchenwäldern auf den Grund zu gehen und starteten im vergangenen Jahr ein gemeinsames Forschungsprojekt. Jetzt haben sie bei einem Treffen in der Nationalparkverwaltung Eifel in Schleiden-Gemünd Zwischenbilanz gezogen.
Bislang wurden im Nationalpark Kellerwald-Edersee seit Nationalparkausweisung vor zwölf Jahren 346 Moosarten und 322 Flechtenarten, darunter auch flechtenbewohnende und flechtenähnliche Pilze, nachgewiesen worden. Besonders herausragende Nachweise gelangen mit dem Grünen Besenmoos (Dicranum viride), Rogers Goldhaarmoos  (Orthotrichum rogeri) sowie dem Grünen Koboldmoos (Buxbaumia viride). Diese 3 Moosarten sind europaweit bedeutsam und genießen deshalb aufgrund der FFH-Richtlinie einen besonderen Schutz. Überdies galt das Grüne Koboldmoos  in  Hessen seit über 90 Jahren als verschollen. Im Nationalpark Kellerwald-Edersee gelang  in 2013 somit der Wiederfund für Hessen.

Zu dem Workshop trafen sich Vertreter der Forschungs-Fachgebiete der drei Nationalparks sowie der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt aus Göttingen und spezielle,  mit den Untersuchungen beauftragte Moos- und Flechtenexperten der Schutzgebiete, sowie ein Softwarespezialist von Hessen-Forst in der Nationalparkverwaltung Eifel. Dort wurden die ersten Daten begutachtet, das Aufnahmeverfahren weiterentwickelt, die Datenaufbereitung mit einer Spezialsoftware besprochen und weitere Untersuchungen für 2016 geplant.

In den Wäldern der drei beteiligten Nationalparks Hainich, Eifel und Kellerwald-Edersee wurden im vergangenen Jahr insgesamt 120 kleinere Waldflächen schematisch mit gleicher Methodik untersucht. In 2016 sollen noch weitere Flächen hinzukommen. Im Nationalpark Kellerwald-Edersee werden es am Jahresende insgesamt 47, in allen drei Buchengroßschutzgebieten zusammengenommen über 200 Flächen sein. Untersucht werden weitestgehend naturnahe und für die Buchennationalparks charakteristische Waldbiotope.

„Ein wesentliches Ziel des Forschungsprojektes ist, durch regelmäßige Widerholungsaufnahmen im Laufe der Zeit die Entwicklung und mögliche Veränderungen der Moos- und Flechtenvegetation in den von Menschen wenig beeinflussten, immer älter und reifer werdenden Wäldern zu beobachten“, erklärte Bernd Schock vom Sachgebiet Forschung und Naturschutz der hessischen Nationalparkverwaltung. „Die Ergebnisse dieses Langzeitmonitorings werden auch für die Dokumentation der Entwicklung der Moose und Flechten im UNESCO-Weltnaturerbe „Buchenurwälder der Karpaten und Alte Buchenwälder Deutschlands“ herangezogen, zu dem mit ausgewählten Flächen auch der Nationalpark Hainich und unser Nationalpark Kellerwald-Edersee gehören.“

Hintergrund

Schaut man sich - gerade im Winter – die Stämme von Bäumen oder den Waldboden genauer an, so fallen in dieser eigentlich vegetationsarmen Zeit die grünen Polster der Moose und die hellgrauen oder bläulichen Kissen und Ästchen der Flechten auf. Moose und Flechten sind Überlebenskünstler und wachsen oft an Stellen, an denen Kräuter oder Farne nicht existieren könnten. Hierzu zählt die Rinde lebender Bäume und Sträucher, abgestorbene, in Zersetzung befindliche Gehölze sowie Felsen und Steine.
Dabei sind die Verhältnisse nicht in jedem Wald gleich. Manche Baumarten – besonders jene mit rauen Rinden wie Eichen oder Ahornarten – sind moos- und flechtenreicher als die glattrindigen Buchen. Aber vor allem das Alter der Bäume spielt eine wichtige Rolle. Alte, dicke Exemplare mit ihren Rissen, kleinen Höhlen und abgestorbenen Ästen bieten Moosen und Flechten zahlreiche kleine Nischen zum Keimen und mehr Platz zum Wachsen. Hinzu kommt der Zeitaspekt: Die oft sehr langsam wachsenden Moose und Flechten hatten an alten Bäumen 100 und mehr Jahre Zeit sich anzusiedeln.
Bereits seit dem Jahr 2008 vergibt die hiesige Nationalparkverwaltung regelmäßig Aufträge zur Inventarisierung des Artenvorkommens von Moosen und Flechten im Nationalpark Kellerwald-Edersee. Nun, da die allermeisten Arten bekannt sind, geht die Inventarisierung in ein Langzeitmonitoring über. Was passiert, wenn sich die Lebensbedingungen für diese Arten verändern?
Manchen dieser „Kryptogamen“ (sog. Verborgen- oder Heimlichblüher – ohne Blüte – über Sporen), dazu zählen im Wesentlichen Moose, Flechten, Pilze) wachsen nur an dicken, alten Bäumen, einige bevorzugen Offenland, nicht wenige, insbesondere von den Flechten, werden Zeigereigenschaften für die Luftgüte/Luftbelastung zugeschrieben, andere sind wiederum Feuchtezeiger. Alle dieser besonderen Eigenschaften lassen Aussagen über sich verändernde Lebensbedingungen durch das vorkommen dieser Arten in sich verändernden Lebensräumen zu. Sie bieten Ansätze einer Beschreibung der grundlegenden Ökologie mehr oder weniger reifer Wälder oder deuten auf anderweitige Beeinflussungen naturnaher Flächen hin. Das Monitoring der zum Weltnaturerbe gehörenden Buchenwälder als Begleituntersuchung der weiteren Entwicklung dieser alten Wälder ist originäre Aufgabe der Schutzgebietsverwaltung. Besonders die Zeigereigenschaften der Kryptogamen sind zur Beurteilung der Gebietsentwicklung sehr wertvoll.


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