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14.06.2016

Auf leisen Pfoten in die Kellerwald-Region zurückgekehrt

– die Wildkatze

Bad Wildungen/ Frankenberg. Die Wildkatze besiedelt große unzerschnittene Waldgebiete. Sie zählt zu den seltensten Säugetierarten Deutschlands und steht seit 1934 unter strengem Schutz. Die scheue Waldbewohnerin galt in der Kellerwald-Region lange als ausgestorben. Nach über 60 Jahren ist sie nun auf leisen Pfoten zurückkehrt. Die Nationalparkverwaltung Kellerwald-Edersee und das Forstamt Frankenberg begleiten diese Entwicklung mit einem gemeinsamen Monitoring-Projekt.

Das hiesige Wildkatzen-Monitoring, basierend auf Analysen von Haarproben und Wildbeobachtungskameras, besteht inzwischen seit zehn Jahren und ist auf internationalem Parkett etwas ganz Besonderes, da es sowohl in seiner Kontinuität als auch Intensität wegweisend ist. Gleichzeitig ist die Wiederbesiedlung der Wildkatze für den Nationalpark Kellerwald-Edersee ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Nationalparks wie Harz, Eifel oder Hainich, die bereits etablierte Wildkatzenpopulationen beherbergten. Noch im Winter 1999/2000 blieb im damaligen Waldschutzgebiet Edersee ein Versuch ohne Erfolg, die Wildkatze nachzuweisen. Erst im Winter 2006/2007 konnte im Nationalpark mit Hilfe der Lockstock-Methode ein sicherer erster Wildkatzennachweis erbracht werden. Alle Indizien sprachen für eine initiale Wiederbesiedlung im Nationalpark Kellerwald-Edersee in den letzten 10 bis 15 Jahren. Für die Forschung tat sich hier die einmalige Möglichkeit auf, diese Wiederbesiedlung wissenschaftlich zu begleiten und zu dokumentieren.
Seit den 1950er Jahren war die Wildkatze aus dem Kellerwald verschwunden. In den Südhängen der Locheiche gelang im Jahr 2007 mithilfe der Lockstockmethode der erste Nachweis im Gebiet des Nationalparks und damit auch für den Kellerwald. Die Methode zum Sammeln von Wildkatzenhaaren ist vergleichsweise einfach. Während der Paarungszeit zwischen November und März reagieren Wildkatzen stark auf Baldrian. Sie reiben sich an den mit Baldrian beköderten Lockstöcken und verlieren dabei Haare. Diese werden bei regelmäßigen Kontrollen eingesammelt und anschließend im Forschungsinstitut Senckenberg untersucht. Im Nationalpark gibt es auf einer Waldfläche von 56 km² aktuell rund 70 solcher Köderstöcke, die phasenweise mit Wildbeobachtungskameras kombiniert werden. Dadurch gelang 2009 auch der erste Fotonachweis im Nationalpark Kellerwald-Edersee.
In der Anfangszeit konnte die Analyse der Haarproben lediglich bestätigen, ob es sich bei dem untersuchten Material um eine Wildkatze handelte. Doch die rasante Forschungsentwicklung in der genetischen Analytik mit nur geringen DNA-Mengen brachte auch die Wildkatzenforschung voran. Mit der sogenannten Mikrosatellitenanalyse wurde es möglich, bereits aus wenigen Wildkatzenhaaren genetische Informationen aus dem Zellkern zu extrahieren und damit Unterscheidungen nach Geschlecht und Individuum treffen zu können. Seit dem Winter 2008/2009 lagen nun für den Nationalpark erstmals Individualnachweise vor. Seit diesem Zeitpunkt gelang es, 21 verschiedene Wildkatzen, zwölf Kater und neun Kätzinnen, im Nationalpark Kellerwald-Edersee zu bestätigen. Nun ist es auch möglich, Lebenswege einzelner Tiere durch die räumliche Bestätigung ihrer Anwesenheit über Jahre hinweg zu verfolgen und Einblick in individuelle Lebenserwartungen und sogar ihre Wanderbewegungen erhalten zu können.
Um die Vernetzung des Nationalparks Kellerwald-Edersee mit seinem Umfeld und die Wechselbeziehungen in der Landschaft besser verstehen zu lernen, sind  Kooperationspartner, die sich an dem Wildkatzen-Monitoring beteiligen, besonders wertvoll. Die enge Zusammenarbeit und das Zusammenführen der Ergebnisse ermöglichen tiefere Einblicke in die hiesige Wildkatzenpopulation.                                      
Das Forstamt Frankenberg beteiligt sich seit Beginn mit dem an den Nationalpark angrenzenden Revier Louisendorf ebenfalls an dem Wildkatzenmonitoring und ist ein fester Partner geworden. Der erste Nachweis gelang dort 2009. Seither durchstreiften mindestens 5 verschiedene Individuen der scheuen Waldart das Revier Louisendorf. Der Nachweis eines neuen Individuums ist für den Revierleiter Jürgen Bachmann jedes Mal ein besonderes Erlebnis. „Die weiträumigen Wechselbeziehungen der „eigenen“ Wildkatzen mit denen der umliegenden Wälder zu beobachten, ist für mich sehr spannend“ berichtet Jürgen Bachmann.                                       
Achim Frede, Forschungsleiter im Nationalparkamt, ist stolz auf das erfolgreiche Wildkatzenmonitoring: „Die inzwischen zehn Jahre andauernde Kontinuität im Monitoring zur Entwicklung der Wildkatzenpopulation im Nationalpark und seinem Umfeld ist in dieser Weise einzigartig für Hessen und darüber hinaus.“                  
Jutta Seuring, stellvertretende Leiterin und zuständig für die Bildungsarbeit im Nationalparkamt, erklärte: „Die Pflege von Kooperationen ist wesentlich für eine gute Zusammenarbeit, um gemeinsame Ziele zu verfolgen und zu erreichen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Forstamt Frankenberg mit seiner Beteiligung am Wildkatzenmonitoring. Auch der Förderverein für den Nationalpark Kellerwald-Edersee e.V. ist ein langjähriger Kooperationspartner. Bereits vor zehn Jahren unterstützte er die Forschungsstudie zum Nachweis der Wildkatze im Kellerwald. Diese seltene Säugetier ist jedoch nicht nur eine wichtige Leitart für den Nationalpark, sondern auch ein wichtiger Sympathieträger, der ein fester Bestandteil unser Bildungsangebote ist.“                               
So thematisiert in der multimedialen Erlebnisausstellung des NationalparkZentrums Kellerwald das Modul WildWechsel die Wildkatze. In 2015 wurde das Exponat um ein anschauliches, klassisch naturalistisches Tierpräparat ergänzt, das ebenfalls durch den Förderverein gesponsert wurde. Darüber hinaus werden bei verschiedenen Nationalpark-Führungen die scheue Waldbewohnerin und ihr Lebensraum vorgestellt; für gehörlose Teilnehmer sogar in deutscher Gebärdensprache. Des Weiteren gibt es Bildungsangebote für Kindergärten und Schulkassen sowie besondere Veranstaltungen zum Thema Wildkatze im NationalparkZentrum Kellerwald, in der WildnisSchule sowie im WildtierPark Edersee, in dem drei Wildkatzen-Schwestern leben.

Hintergrund:

Die Wildkatze ist eine scheue Waldbewohnerin, die große unzerschnittene Waldgebiete mit vielfältigen Strukturen besiedelt. Alte Baumhöhlen oder Wurzelteller dienen ihr als Aufzuchtort ihrer Jungen oder auch als Tagesversteck. Im Mosaik damit braucht sie abwechslungsreiche Waldlichtungen mit viel Grasbewuchs, da sie dort viele Mäuse – ihre Hauptnahrungsquelle – erbeuten kann. Sie verschmäht aber auch Insekten, Eidechsen, Fische und kleine Vögel nicht.

Die Ergebnisse aus dem Wildkatzenmonitoring fanden international Beachtung und wurden 2012 in einer wissenschaftlichen Studie, die erstmals für Deutschland die Methodenkombination von Haarfalle und genetischer Mikrosatellitenanalyse in einem mehrjährigen Zeitraum beschreibt, in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Senckenberg publiziert (Katharina Steyer, Olaf Simon, Robert H.S. Kraus, Peter Haase, Carsten Nowak (2012): Hair trapping with valerian-treated lure sticks as a tool für genetic wildcat monitoring in low-density habitats. European Journal of Wildlife Research).

Beispiel für den Aktionsradius einer Katze im Nationalpark:
Unter den weiblichen Wildkatzen ist die Kätzin „C“ eine alte Bekannte. 2011 erstmals nachgewiesen, liegen bis heute im fünften Jahr regelmäßig Nachweise vor, die vom Arensberg über das Fischhaus Banfe und das Keßbachtal bis Tannendriesch, das Hochspeicherbecken und den Ruhlauber reichen.

Beispiel für den Aktionsradius eines Kuders zwischen Nationalpark und Revier Louisendorf:
Eine besonders interessante Lebensgeschichte, die noch nicht zu Ende ist, zeigt Kater „Q“, der ebenfalls über fünf Jahre verfolgt werden konnte. 2011 wurde „Q“ mehrmals im Nuhnetal weit westlich des Nationalparks und dort in den Wäldern um Schreufa, Viermünden und Sachsenberg nachgewiesen. 2012 wurde der Kater wiederholt im Nationalpark um Locheiche und Tannendriesch bestätigt. 2013 verschwunden, hinterließ Kater „Q“ 2014 im Revier Louisendorf an den dort von Revierförster Jürgen Bachmann gestellten Köderstöcken seine Haare. Im Jahr 2015 konnte der Kater wieder am Hagenstein im Nationalpark bestätigt werden. Bei seinen Wanderungen musste der Kater wiederholt die Eder und die stark befahrene Bundesstraße Korbach-Frankenberg überqueren. In Luftlinie erstrecken sich die Aktionsradien über mehr als 15 km Ost-West-Ausdehnung, eine beachtliche Strecke!

Historie


2004
Start des Projekts „Rettungsnetz Wildkatze“ des BUND Thüringen und Hessen
  • BUND = Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und die Nationalparkverwaltung
  • Weitere Informationen rund um die Wildkatze (Lebensweise, Gefährdungen, Wanderkorridore) unter www.wildkatze.info/

2006
Forschungsstudie zum Nachweis der Wildkatze im Kellerwald sowie der Klärung geeigneter Zuwanderungswege wird initiiert

  • Initiatoren: Nationalparkverwaltung, BUND Waldeck-Frankenberg sowie der Förderverein für den Nationalpark Kellerwald e.V.

2007    
Die ersten Lockstöcke werden ausgebracht

  • Beteiligte Forstämter: Frankenberg, Vöhl, Haina, Jesberg und Burgwald
  • Die Forschungsstudie wird durch den Förderverein für den Nationalpark Kellerwald-Edersee e.V. getragen, finanziell unterstützt durch die Licher Privatbrauerei
  • Etablierung der Wildkatzenforschung im Nationalpark und dem daraus resultierenden Monitoring


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