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30.01.2014

Zweiter Helikoptereinsatz zur Rettung der Pfingstnelke

Naturschutzmaßnahmen im Nationalpark Kellerwald-Edersee im Rahmen des Naturschutzgroßprojektes Region Kellerwald

Deutschland besitzt für die Vorkommen der Pfingstnelke eine enorme Verantwortung. Die Pfingstnelke kommt weltweit nur in Mitteleuropa vor. Die Gesamtpopulation dieser seltenen,  Jahrtausende alten Reliktpflanze wächst zum überwiegenden Teil in Deutschland. Die größte hessische Population kommt an den Banfehängen im Nationalpark vor. Untersuchungen ergaben, dass diese Pfingstnelkenpolster erheblich durch die Nadelstreu von Kiefern beeinträchtigt wurden, die vor über 120 Jahren an den Steilhängen in der Banfebucht gesät wurden. Um den Fortbestand der hiesigen Pfingstnelken zu sichern, wurden bereits 2011 rund 250 Kiefern in einem Teilabschnitt des Bloßenbergs in einem ersten Helikoptereinsatz erfolgreich  und vegetationsschonend gefällt und abtransportiert. In diesem Jahr erfolgt der zweite Helikoptereinsatz, um die Naturschutzgroßprojektmaßnahme zur Erhaltung der Pfingstnelkenfluren am Bloßenberg abzuschließen.

Die Nadelstreu der Kiefern beeinträchtigt die wertvollen Pfingstnelkenfluren in den Ederseehängen des Nationalparks.Mit der Helikopter-Fällung werden die Kiefern vegetationsschonend aus den Banfehängen entfernt. (Bildautor: Ralf Kubosch) Abbildungsbeschreibung: PfingstnelkenDie Nadelstreu der Kiefern beeinträchtigt die wertvollen Pfingstnelkenfluren in den Ederseehängen des Nationalparks.Mit der Helikopter-Fällung werden die Kiefern vegetationsschonend aus den Banfehängen entfernt. (Bildautor: Ralf Kubosch)
„Die Helikopter-Fällung mit Unterstützung durch spezialisierte Baumkletterer ist für die Entnahme der Kiefern am Besten geeignet, da nur so die größtmögliche Schonung der Vegetation gewährleistet wird. Mit dieser Methode lassen sich Schäden an den Nelkenpolstern, den Biotopstrukturen sowie der sensiblen Begleitflora, insbesondere den langsamwüchsigen Flechten und Moosen, weitestgehend vermeiden“, erläutert Nationalparkleiter Manfred Bauer.

Die Arbeiten begannen am 27. Januar und werden bei günstiger Wettersituation insgesamt vier bis fünf Tage dauern, teilen die Nationalparkverantwortlichen und der Naturpark-Zweckverband als Auftraggeber mit.


„Die Pfingstnelkenfluren im Nationalpark Kellerwald-Edersee zu sichern, ist uns im Naturschutzgroßprojekt Region Kellerwald so wichtig, dass wir einen zweiten Helikoptereinsatz eingeplant haben. Die Kosten bleiben im kalkulierten Rahmen“, so Projektbetreuer des Naturschutzgroßprojekts Carsten Müller. „Diese außergewöhnliche Maßnahme zum Schutz der Pfingstnelkenfluren werden im Rahmen des Naturschutzgroßprojekts Kellerwald-Region vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums, vom Land Hessen und vom Naturpark gefördert“, erläutert Rainer Paulus, Geschäftsführer des Naturparks Kellerwald-Edersee und ergänzt: „Die Kosten für die diesjährige geplante Entnahme der ca. 350 Kiefern belaufen sich auf rund 70.000 €“.

Die Kiefern werden vom Helikopter regelrecht „gepflückt“und ausgeflogen werden. (Bildautor: Ralf Kubosch) Abbildungsbeschreibung: HelikoptereinsatzDie Kiefern werden vom Helikopter regelrecht „gepflückt“und ausgeflogen werden. (Bildautor: Ralf Kubosch)
Nach sorgfältiger Planung und Vergabe ist mit der Durchführung der Maßnahme die „Arbeitsgemeinschaft Helikopterfällung“ beauftragt. In ihr arbeiten erfahrene, bundesweit tätige Baumpfleger aus Nordhessen und Südniedersachsen mit einem Helikopterunternehmen aus Baden-Württemberg zusammen. Olaf Florin von der „Arbeitsgemeinschaft Helikopterfällung“ beschreibt das Vorgehen wie folgt: “Unsere ausgebildeten Baumpfleger klettern mit einer speziellen Seiltechnik in die zu fällenden Bäume. Der Helikopter schwebt über ihnen. Das Lastenseil wird zu den Baumkletterern hinab gelassen, die es an der Kiefer für den nachfolgenden Abtransport befestigen. Im Anschluss daran fällen sie mithilfe einer Motorsäge die Kiefer, wobei die Bäume durch das gespannte Lastenteil im gleichen Moment vom Helikopter übernommen und ausgeflogen werden. Die Kiefern kippen also nicht zu Boden, wie bei einer konventionellen Fällung, sondern sie werden vom Helikopter regelrecht „gepflückt“. Kleine und mittelgroße Bäume werden im Ganzen ausgeflogen, die größeren Kiefern werden von den Baumkletterern stückweise gefällt, wobei sie auch hier die einzelnen Baumteile vor dem Abtrennen an das Lastenseil des Helikopters befestigen. Nach dem Trennschnitt mit der Motorsäge  übernimmt der Helikopter das abgetrennte Baumteil, so dass kein Teil des Baumes Bodenkontakt  bekommt und die sensible Vegetation geschont wird. Über einen festgelegten Flugkorridor wird der Baumstamm direkt ausgeflogen und in einem genau festgelegten Bereich für die Weiterverarbeitung abgelegt. Die Kiefernkronen sowie die Baumstämme werden maschinell gehäckselt.
Im laufenden Arbeitsprozess koordinieren sich alle Beteiligten ständig über Funk, Arbeitssicherheit hat oberste Priorität. Im Helikopterteam weist ein Lotse den Piloten wechselweise zu einem jeweils einsatzbereiten Baumpfleger in einer Kiefernkrone. Der Pilot Udo Ramm fliegt seit 30 Jahren Helikopter und gehört mit mehr als 14 000 absolvierten Flugstunden zu den erfahrensten Piloten Deutschlands.

Unterstützt werden alle Beteiligten von der Bergwacht des Deutschen Roten Kreuzes des Kreisverbands Korbach-Bad Arolsen.

Für die Dauer der Arbeiten müssen der Edersee-Radweg in der Banfebucht, Strecken des Urwaldsteigs im Nationalpark sowie die landwirtschaftlichen Zuwege in diesem Bereich von der Bergwacht und Nationalpark-Rangern gesperrt werden. Um Nationalparkbesuchern während der Flugbewegungen weiterhin einen sicheren Zugang zum Schutzgebiet zu ermöglichen, ist für entsprechende Umleitungen und Hinweise für Wanderer und Radfahrer gesorgt.


Hintergrund Pfingstnelke:
An den Banfehängen zwischen Bloßenberg und Daudenberg existiert die größte hessische Population der Art, wie der Pfingstnelken-Experte Ralf Kubosch aus Siegen, der die Maßnahme wissenschaftlich begleitet, schon 1987 in seiner Diplomarbeit belegt hat. Aus einer europaweiten genetischen Vergleichsstudie an allen Pfingstnelkenvorkommen unter Professor Marcus Koch von der Uni Heidelberg geht hervor, dass die heute kaum mehr ausbreitungsfähige Reliktpflanze das Zentrum ihrer größten genetischen Vielfalt in Mitteldeutschland hat und seit Jahrtausenden in diesen Felsrefugien lebt.
„Untersuchungen ergaben, dass die Pfingstnelkenpolster am Bloßenberg erheblich durch die Nadelstreu von vor über 120 Jahren gesäten Kiefern beeinträchtigt werden. Die Nadeln bleiben in den Polstern der Nelken hängen, verkeilen sich miteinander und können dadurch weder vom Regen fortgespült noch durch Wind fortgetragen werden. Außerdem verwittern sie sehr langsam und sammeln sich zu dicken Nadelkissen. Moose siedeln sich auf diesen Nadelpolstern an und bilden selbst dichte Polster. Diese Barriere kann die Pfingstnelke nicht durchwachsen und „erstickt“ durch Lichtmangel. Des Weiteren werden beim Verwitterungsprozess der Kiefernnadeln Nährstoffe freigesetzt, die die Nachbarvegetation wie Gräser oder dicke Moospolster fördern. Die dicken Nadelkissen und Moose verdämmen langfristig die konkurrenzschwache Pfingstnelke“, erläutert Achim Frede vom Nationalparkamt, verantwortlich für die fachliche Gesamtkoordination des Helikoptereinsatzes.

Baumkletterer im Einsatz. (Bildautor Rene Bork) Abbildungsbeschreibung: BaumklettererBaumkletterer im Einsatz. (Bildautor Rene Bork)
Naturschutzgroßprojekt des Naturparks Kellerwald-Edersee:
Das Naturschutzgroßprojekt dient zum Erhalt und zur Entwicklung der ausgedehnten Buchenwälder und der vielgestaltigen Kulturlandschaft der Region. Die Naturschutzmaßnahmen sollen zur nachhaltigen Sicherung in einen Kontext zur umweltverträglichen, integrierten Regionalentwicklung und sanften, touristischen Erschließung gestellt werden. Für das Gesamtprojekt stehen rund 6 Millionen € Fördermittel zur Verfügung. Es wurden in den Kerngebieten vorrangige Maßnahmenräume ausgewählt. Sie alle sind zentrale Aufhänger bzw. Kernprojekte des Naturschutzgroßprojektes und ihre Umsetzung wird beispielhaft verfolgt. Die ausgewählten Maßnahmenräume, für die die Finanzierung der Umsetzung gesichert ist, sind:

-    Edersee Steilhänge
-    Nationalpark Kellerwald-Edersee
-    Frankenau und Wesetal
-    Hoher Keller

Weitere Informationen und Film zum ersten Helikoptereinsatz in 2011 unter: www.naturschutzgrossprojekt-kellerwald.de        


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